• Walter Gasperi

Annette


Die Liebesgeschichte zwischen einem Stand-Up-Comedian und einer Opernsängerin dient Leos Carax als Grundlage für ein Musical, das mit großen Bildern furioses Kino bietet und das Verhältnis von Hoch- und Populärkultur sowie von Künstler und Publikum ebenso anschneidet wie mediale Vermarktung.


Atemberaubend ist der Auftakt, wenn schon zu Schwarzfilm das Publikum aufgefordert wird nur noch in Gedanken zu lachen, zu weinen oder auch zu furzen und am besten für die Länge des folgenden Films ganz auf das Atmen zu verzichten. Fortgesetzt wird das Spiel mit dem Publikum, wenn man Regisseur Leos Carax selbst im Studio am Mischpult sieht, sowie hinter ihm seine Tochter Nastya, der der Film gewidmet ist.


Von Anfang an macht der Franzose mit diesem Auftritt klar, dass er der zentrale Schöpfer dieses Films ist, und die Fäden in der Hand hält. Er fordert auch mit „May We Start“ zuerst die Musiker Ron und Russell Mael, die sich in den 1970er Jahren mit der Pop- und Rockband Sparks einen Namen machten und für Musik und gemeinsam mit Carax für das Drehbuch von "Annette" verantwortlich zeichnen, auf zu spielen, ehe auch die Schauspieler*innen auftreten. In einer spektakulären Plansequenz folgt ihnen nun die Kamera von Caroline Champetier zum Auftaktsong auf ihrem Weg durch das Studio bis auf die Straßen von Los Angeles.


Am Ende des Nachspanns wird dieser Dialog mit dem Publikum wieder aufgenommen werden, wenn sich die Schauspieler*innen wieder singend verabschieden, eine gute Nacht wünschen und auffordern, den Film, wenn er gefallen hat, Freunden oder auch Fremden zu empfehlen.


Gerahmt wird damit nicht nur die Handlung, sondern auch der Bühnencharakter des Films transparent gemacht. Erst nach diesem Einstieg schlüpfen nämlich Marion Cotillard in die Rolle der Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) und Adam Driver in die des Stand-Up- Comedians Henry.


Wenn er aufs schwarze Motorrad steigt, sie in eine schwarze SUV-Limousine und sie in entgegengesetzte Richtung losfahren, signalisiert Carax schon die Differenz ihrer Berufe. Hochkultur trifft hier aber nicht nur auf Populäres, sondern ganz unterschiedlich gestalten sich auch ihre Auftritte und das Verhalten des Publikums.


Während sich Henry in einem grünen Bademantel auf seinen Auftritt wie ein Boxer auf einen Kampf vorbereitet, tänzelt und immer wieder Schläge andeutet, steht Ann vor Beginn der Vorstellung in weißem Kleid still und konzentriert hinter der Bühne. Und während er mit dem Publikum stets interagiert und es provoziert, wird ihrem Gesang lautlos gefolgt. Will er seine Zuschauer*innen zum Lachen bringen, stirbt sie allabendlich auf der Bühne am Ende der Vorstellung und auf die Frage, wie es gelaufen sei, sagt er "I killed the audience" und sie "I saved them".


Spiegelbildlich steht auch am Beginn zunächst der Auftritt von Henry im Zentrum, während später auch Ann ihre große Opernszene bekommt, bei der sie vom stilisierten Wald der Bühne hinaus in einen realen Wald tritt. Von dieser Welt der Kunst führt der Film zum Song „We Love Each Other So Much“ zur am Rande eines Waldes gelegenen Villa des Paares.


Spürbar wird hier die leidenschaftliche und ungetrübte Liebe, eine irrationale Macht, die Menschen verbindet, die im Grunde wenig miteinander gemeinsam haben, während Ann ihren Pianisten (Simon Helberg), der ihr doch durch die gemeinsame Leidenschaft für die Oper viel näher sein müsste, verlässt. Dieser verschmähte Liebende ist der auch von der Öffentlichkeit wenig beachtete Begleiter, die beiden Stars stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit.


Kommentiert wird so auch die Beziehung des ungleichen, aber berühmten Paares von den Medien, die bald über Hochzeit und dann über die Schwangerschaft Anns, aber auch über eine Ehekrise berichten. Ständig der Öffentlichkeit ausgesetzt scheinen Ann und Henry kaum ein Privatleben zu haben, doch Henry belastet auch der Ruhm Anns, die Triumphe feiert, während sein Auftritt in Las Vegas in einem Desaster endet.


Auch auf die MeToo-Debatte nimmt Carax Bezug, wenn sich sechs Frauen melden, die Henry sexuelle Belästigung, Gewaltbereitschaft und Wut vorwerfen, doch auch filmisch deutet Carax schon früh eine dunkle Seite Henrys an, wenn er dessen Gesicht in kaltes blaues Licht taucht.


Der Dialog ist sehr reduziert, gesungen wird hier auch, wenn Ann bei der Geburt des Babys Annette zum Pressen und Atmen aufgefordert wird, oder später, wenn Henry von der Polizei verhört wird. Betrunken verschuldet er nämlich bei einem Bootstrip in einem tosenden Sturm den Tod Anns, während er sich selbst mit Annette auf eine geisterhafte Insel retten kann. - Immer strebt Carax, der sich schon mit „Les amants du pont neuf“ und „Holy Motors“ als ein Berserker des Kinos erwiesen hat, der nicht kleckert, sondern klotzt, nach der großen Geste und dem überwältigenden visuellen Ausdruck.


Mit dem Tod Anns, die als Geist schwört Rache zu nehmen und ihr Kind dabei als Werkzeug benutzen wird, gewinnt dieses Baby Annette an Gewicht. Schon bei dessen Geburt wurde mit dem Song "She´s Out of This World" klar gemacht, dass dies kein gewöhnliches Baby ist, und tatsächlich präsentiert Carax mit einer Puppe nach „Titane“ und „Lamb“ das dritte ganz und gar ungewöhnliche Kind dieses Kinojahrs. Von ihrer Mutter hat Annette aber ihre Stimme erhalten, die Henry bald eiskalt ausnützt und mit dem Kleinkind auf Welttournee geht. Sie erscheint als Objekt ihrer Eltern, erst am Ende, wenn sie auch die dunkle Seite ihres Vaters publik macht, wird sie zum Menschen.


Vom leidenschaftlichen Liebesglück führt der Film so in den Abgrund, den Abyss, von dem Henry auch bei seinen Auftritten immer wieder spricht und großartig ist das Finale mit einem Duett zwischen Vater und Tochter.


Entfesseltes Kino bietet "Annette" mit seinen grandiosen Bildern, dem fulminanten Spiel mit Licht und Farbe. An Realismus ist Carax nicht interessiert, sondern große Oper will er bieten. Pures Kino ist das und doch stellen sich nach einer wahrhaft sensationellen, atemberaubenden und mitreißenden ersten Stunde in der zweiten Hälfte des mit 140 Minuten überlangen Films gewisse Längen ein. Etwas dünn ist letztlich die Handlung, wirklich entwickelt wird außer der Liebesgeschichte wenig, doch gering wiegt dieser Einwand angesichts eines Films, der mit seiner Leidenschaftlichkeit und seiner Bildmacht wieder einmal nicht nur zeigt, was Kino bieten kann, sondern auch, dass so ein Film nur auf der großen Kinoleinwand und im Kinosaal seine volle Wirkung entfalten kann.


Annette

Frankreich / Belgien Deutschland / USA 2021 Regie: Leos Carax, mit: Adam Driver, Marion Cotillard, Simon Helberg, Länge: 140 min.



Läfut derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und bis 31.12. im Kino Rio, Feldkirch


Trailer zu "Annette"