• Walter Gasperi

Am Wendepunkt: Die Filme von Joanna Hogg


Joanna Hogg (geb. 1960)

Mit fünf Filmen ist das Werk Joanna Hoggs sehr überschaubar, dennoch gehört die 62-jährige Britin zu den wichtigsten Regisseurinnen der Gegenwart. Ihre ebenso präzisen wie kühlen Studien von Beziehungen innerhalb der gehobenen Mittelschicht und ihre Reflexionen über Kunst und Leben sind Solitäre im britischen Kino. Das Kinok St. Gallen, das Zürcher Kino Xenix, das Kino Rex in Bern und das Kino Cameo in Winterthur widmen Hogg derzeit eine Retrospektive, während das Filmpodium Zürich zehn Filme zeigt, die die Britin prägten.


In Joanna Hoggs drittem Spielfilm "Exhibition" (2013) will ein Londoner Paar sein Stadthaus verkaufen, in dem es seit 20 Jahren lebt. Nicht nur in diesem Film wird der Schauplatz zu einem Hauptdarsteller, denn ganz entscheidend leben alle Filme Hoggs von der Verankerung in einem engen Setting. Eine persönliche Beziehung zu den Schauplätzen ist für Hogg nach eigener Aussage wesentlich für ihre Filme und Grundlage für die Geschichten.


Seit ihrer Kindheit kennt sie so die vor der Küste Cornwalls gelegenen Scilly-Inseln, auf denen ihr zweiter Spielfilm "Archipelago" (2010) spielt, relativ frisch seien ihre Beziehungen zum Ferienhaus in der Toskana als Schauplatz ihres Debüts "Unrelated" (2007) und dem modernen Stadthaus in "Exhibition", dessen Architekt James Melvin der Film auch gewidmet ist, erklärte sie in einem Interview mit dem britischen Filmjournalisten Neil Young. Für "The Souvenir" (2019) schließlich baute sie das Londoner Apartment nach, in dem sie selbst in den 1980er Jahren lebte.


Gemeinsam sind den Filmen auch die Konzentration auf wenige Protagonist*innen, ein kühl-distanzierter Blick und im Gegensatz zu den berühmten britischen Sozialrealisten Ken Loach und Mike Leigh, die immer wieder die Lebensbedingungen der Unterschicht thematisieren, die Fokussierung auf die gehobene Mittelschicht. Gemeinsam ist Hoggs ersten drei Filmen dabei auch, dass jeweils Protagonist*innen - mit Ausnahme von "Archipelago" jeweils Frauen - im Zentrum stehen, die sich neu orientieren oder eine Entscheidung treffen müssen.


Mehr als an britische Produktionen der Gegenwart erinnern ihre Filme vor allem auch aufgrund des kühlen Blicks an die Gesellschaftsanalysen, die der Amerikaner Joseph Losey unter anderem mit "The Servant – Der Diener" (1963) und "Accident – Zwischenfall in Oxford" (1967) in den 1960er Jahren in England drehte.


Formal bestimmen bis "Exhibition" lange distanzierte und statische Einstellungen ihre Filme. Statt durch schnelle Schnitte zu emotionalisieren, entwickelt sich Spannung aus dem ruhigen und konzentrierten Blick. So sorgfältig kadriert und kunstvoll geplant diese Einstellungen sind, so improvisiert ist andererseits Hoggs Drehweise, die bevorzugt auch mit einer Mischung aus professionellen und Laiendarsteller*innen arbeitet. Auf ein detailliertes Drehbuch verzichtet sie, entwickelt den Film erst am Set. Selbstreflexiv thematisiert sie diese Arbeitsweise auch im autobiographisch gefärbten "The Souvenir: Part 2" (2021), in dem Dozenten einer Londoner Filmschule ihr Alter Ego wegen dieser Arbeitsweise kritisieren.


Zum Kinofilm kam Hogg erst spät. Die am 20. März 1960 geborene Londonerin begann zwar schon Ende der 1970er Jahre experimentelle Super-8-Filme zu drehen und wurde von Derek Jarman gefördert, arbeitete aber nach Abschluss ihres Studiums an der National Television and Film School 1986 rund zwei Jahrzehnte fürs Fernsehen. Musikvideos drehte sie in dieser Zeit ebenso wie Episoden der Krankenhaus-Serie "Casualty", der britischen "Die Lindenstraße"-Variante "EastEnders" oder der Serien "London Bridge" und "London Burning".


Weil sie aber schließlich mit über 40 Jahren einen Film drehen wollte, wie sie ihn im Fernsehen nicht machen konnte, entstand 2007 mit "Unrelated" ihr mit wenig Geld und auf High-Definition Video gedrehtes Spielfilmdebüt. Schauplatz ist zwar ein Landhaus in der Toskana, doch die Gäste, die hier ihren Urlaub verbringen, sind besser gestellte britische Familien.


Eng abgegrenzt ist die Handlung mit Ankunft und Abreise der etwa 40-jährien Anna, die sich im Kreis der Familie einer Freundin Klarheit über ihre Beziehung zu ihrem in England gebliebenen Mann verschaffen will. Sukzessive deckt Hogg mit ruhiger und distanzierter Beobachtung die schwelenden Spannungen zwischen Erwachsenen und Teenagern auf und kontrastiert diese inneren Konflikte geschickt mit der atmosphärisch dicht eingefangenen, von Aufenthalt am Pool, Shoppen in Siena, Herumhängen im Garten und Abendessen im Haus geprägten lethargischen Urlaubsstimmung.


Wie unter einem Mikroskop blickt man auf eine Gesellschaft, in die Bewegung kommt, als Anna beginnt, lieber Kontakt zu den Teenagern zu suchen als die Zeit mit ihren Altersgenossen zu verbringen. Gleichzeitig lernt die Protagonistin aber auch, sich ihren persönlichen Problemen zu stellen und damit zu sich zu finden.


Schon mit diesem Debüt, das Paul Griffiths mit den Filmen von Ozu, Rohmer und Chabrol verglich, hat Hogg ihr zentrales Thema und ihren Stil gefunden. Auch in ihrem zweiten Spielfilm "Archipelago" (2010) erweist sie sich als kühle und distanzierte Beobachterin einer Familie, die einige Tage in einem Ferienhaus auf den Scilly-Inseln verbringt, ehe der Sohn zu einer ehrenamtlichen Tätigkeit in Afrika aufbricht.


Auch dieser Film gewinnt durch die Konzentration auf das enge Setting und die Familie Dichte. Nichts Dramatisches muss hier passieren, aber durch Hoggs genauen Blick werden zunehmend Risse in den familiären Beziehungen, die Unfähigkeit zur Kommunikation und nach außen hin verdeckte psychische Probleme, aber auch Klassengegensätze zwischen Familie und Köchin sichtbar.


Noch reduzierter sind Setting und Protagonist*innen in "Exhibition" (2013) mit einem nur als D. und H. bezeichneten Künstlerehepaar und ihrem Stadthaus als weitgehend einzigem Schauplatz. Wie mit der Wandlung Annas in "Unrelated" und dem bevorstehenden Aufbruch des Sohnes in "Archipelago" seht auch hier mit dem bevorstehenden Verkauf des Hauses, in dem das Paar 20 Jahre lebte, eine einschneidende Veränderung im Leben bevor.


Dieses Stadthaus wird neben dem Paar, bei dem zunehmend eine Entfremdung sichtbar wird, dabei zum dritten Hauptdarsteller. Großartig spielt Hogg mit dem Innen und Außen, macht die Durchlässigkeit durch die Fensterflächen und den ins Haus dringenden Verkehrslärm spürbar, zieht andererseits aber auch durch Vorhänge und Jalousien eine Grenze zwischen den leicht sterilen weißen Räumen auf der einen Seite und der wuchernden Natur auf der anderen. Schattenhaft wirken hier auch immer wieder die Figuren, wenn sie sich in den Fenstern spiegeln.


Ungleich komplexer als diese recht überschaubar angelegten ersten drei Filme ist das zweiteilige Opus magnum "The Souvenir" (2019) und "The Souvenir: Part 2" (2021). Das Diktum von Hoggs Protagonistin und ihres Alter Egos Julie Harte (Honor Swinton Byrne) "Life is Art" wird hier vor allem im zweiten Teil umgesetzt, wenn sich Hoggs Autobiographie und die filmische Verarbeitung der Ereignisse des ersten Teils zunehmend durchdringen.


So verarbeitet Hogg im ersten Teil nicht nur eine persönliche, tragisch endende toxische Liebesbeziehung in den 1980er Jahren, sondern diskutiert vor dem Hintergrund ihres damaligen Filmstudiums auch Fragen nach Authentizität und Glaubwürdigkeit in der Kunst. Mit desaturierten Farben und zahlreichen zeitgenössischen Songs evoziert sie einerseits die Stimmung der 1980er Jahre, fragt aber andererseits mit Formatwechseln und eingeschnittenen Schwarzweißbildern auch nach dem adäquaten filmischen Ausdruck.


Gleichzeitig bricht sie mit der klassischen kausalen Erzählweise des westlichen Kinos, wenn sie mit der Perspektive ihrer Protagonistin viele Leerstellen setzt und das Publikum erst langsam Einblick in das Leben und das Geheimnis des Geliebten und die schwierige Paarbeziehung gewinnen lässt.


Mindestens zwei, wenn nicht drei Gänge höher schaltet die Britin in "The Souvenir: Part 2", den man im Grunde nur mit Kenntnis von Teil 1 genießen kann. Erstens bekommt hier der Titel "The Souvenir" eine ganz andere Bedeutung als die im ersten Teil vorgegebene, zweitens bezieht sich dieser zweite Teil permanent einerseits auf den ersten Teil, andererseits wiederum auf Hoggs Leben. So entwickelt sich ein furioses Spiegelkabinett, in dem die Geschichte oder das Leben des ersten Teils zum Film - also Leben zur Kunst - wird, gleichzeitig reflektiert Hogg damit aber auch über ihr reales Leben.


Nicht verwundern kann es angesichts dieser permanenten Spiegelungen von Film und Leben, dass die Britin hier noch mehr als in "Exhibition" mit Spiegeln und Spiegelungen arbeitet und mehrfach Personen über Spiegel filmt. So geht es bei diesem schillernden Meisterstück, das am Ende auch noch die filmische Inszenierung transparent macht, durchgängig um Film und Leben, gleichzeitig wird auch die Entwicklung der in Trauer erstarrten Filmstudentin zur glücklichen Absolventin nachgezeichnet. – Der Fokussierung auf dem Moment des Umbruchs und dem gegenüber der Zukunft offenen Ende bei den vorigen Filmen steht hier somit eine klare Entwicklung zu einem vorläufigen Endpunkt gegenüber.


So komplex und raffiniert gemacht ist dieses Diptychon, dass es nicht nur zu den großen filmischen Werken der letzten Jahre gezählt werden muss, sondern dass sich wohl auch erst nach mehrmaligem Sehen sein formaler und inhaltlicher Reichtum erschließt. – Doch "The Souvenir: Part 2" macht nicht nur Lust auf ein rasches Wiedersehen, sondern weckt auch schon Vorfreude auf Hoggs neuen Film "The Eternal Daughter", der sich in der Postproduktion befindet.

Retrospektive der Film Joanna Hoggs derzeit im Kinok St. Gallen, Kino Rex Bern, Kino Xenix Zürich und im Kino Cameo Winterthur.


A Beginner´s Guide to Joanna Hogg (5 Minuten)