• Walter Gasperi

Als wir tanzten – And Then We Danced


Strenge traditionelle Geschlechterbilder bestimmen die georgische Gesellschaft, besonders die Szene des Nationaltanzes. Dennoch verliebt sich ein junger Tänzer in einen Kollegen. Der Schwede Levan Akin verbindet vor dem Hintergrund dieser homophoben Welt mitreißende Tanzszenen mit einer berührenden Liebes- und Emanzipationsgeschichte.


Zu lasch sei er, wirft der Tanzlehrer dem jungen Merab (Levan Gelbakhiani) vor. Steif wie ein Nagel müsse der Mann beim georgischen Nationaltanz stehen, mit Sexualität habe dieser nichts zu tun. Auch wie die Schritte förmlich in den Boden gestampft werden, bringt die harte Männlichkeit zum Ausdruck, die hier gepflegt und propagiert wird.


Schon äußerlich entspricht Merab mit seinem schlanken Körper, seinem verträumten Blick und seinen lockigen blonden Haaren kaum diesen Vorstellungen. Dennoch tanzt er seit seiner Kindheit mit der etwa gleich alten Mary (Ana Javakishvili) im Jugendensemble des georgischen Nationalballetts und träumt von der Aufnahme in die Hauptgruppe. Wie in Georgien insgesamt hat der Tanz auch in Merabs Familie Tradition. Schon seine Großmutter tanzte und war ebenso wie sein Vater mit dem Nationalballett auf der ganzen Welt auf Tournee, sie trat einst unter anderem in der Mailänder Scala, er in der New Yorker Met auf.


Mit Mutter, Großmutter, Schwester und Bruder, der ebenfalls tanzt, lebt Merab in einer engen Wohnung in Tiflis. Genau fängt der in Schweden geborene georgischstämmige Levan Akin die sozialen Verhältnisse ebenso wie die Tanzszene ein. Unverfälscht und echt wirkt der Film in der Nähe von Lisabi Fridells Kamera und in ihren befreiten Bewegungen, die Szenen teilweise wie improvisiert wirken lassen. Ganz selbstverständlich und fließend wechseln lange ruhige Einstellungen mit einer im Rücken Merab folgenden Handkamera oder schnellere Schnitte. Aber auch die aus dem Leben gegriffene, alltägliche Geschichte trägt viel zur Überzeugungskraft von "Als wir tanzten" bei.


In Bewegung kommen Merabs Gefühle, als mit Irakli (Bachi Valishvili) ein neuer Tänzer beim Training auftaucht. Einerseits ist das ein Rivale im Kampf um einen freien Platz im Nationalballett, andererseits fühlt sich Merab zu ihm hingezogen.


Akin gelingt es hier durch Blicke, Gesten, zuerst spielerische Berührungen und schließlich Umarmungen und Küsse intensiv die langsam wachsende Leidenschaft Merabs zu vermitteln. Ideal ist dieser junge Tänzer mit Levan Gelbakhiani besetzt, der bewegend das Verträumte, die Sehnsüchte und die Deplatziertheit Merabs in dieser maskulinen Welt spürbar macht, perfekter Gegenpol dazu ist der athletischere und bestimmt auftretende Bachi Valishvili als Irakli.


Eindrücklich zeichnet der 41-jährige Regisseur, der durch den Angriff eines von der orthodoxen Kirche aufgehetzten Mob auf die Organisatoren einer Gay Pride im Jahr 2013 zu seinem dritten Spielfilm angeregt wurde, das Bild der homophoben georgischen Gesellschaft, zeigt aber auch, wie die Jugend sich von den Traditionen löst und führt den Zuschauer in die ausgegrenzte Szene der Homosexuellen und Prostituierten. Der Konservativismus wird aber auch im Umgang mit den Frauen sichtbar, wenn Jungfräulichkeit ein zentraler Wert ist und Merabs Bruder eine Kollegin heiraten muss, nachdem er sie geschwängert hat.


Gleichzeitig wird aber auch eine berührende Emanzipationsgeschichte erzählt. Denn sukzessive wird sich Merab klar, dass die Verdrängung seiner Sexualität ihn zugrunde richten wird. Aber nicht mit Worten, sondern mit einem fulminanten Tanz, in dem er konsequent mit den vorgegebenen Männlichkeitsidealen bricht und die Dynamik des Tanzes mit sehr femininen Gesten und Bewegungen verbindet, outet er sich und setzt ein Zeichen für Toleranz und Auflösung der starren Geschlechterbilder.


Man spürt hier die Leidenschaft und das Engagement des Regisseurs und mitreißende Kraft entwickelt "Als wir tanzten" durch das Spiel mit Gegensätzen. Da stehen nicht nur den Tanzszenen der ärmliche Alltag mit einem Aushilfsjob in einem Restaurant gegenüber, sondern eben auch die Traditionen, die die Alten vertreten, der jugendlichen Lebens- und Liebeslust und rigiden Vorstellungen fließende Offenheit.


Sinnliches Körperkino entwickelt sich durch diese Antithesen und ein großes Plädoyer für die Selbstbestimmung des Individuums über seinen Körper und seine Gefühle, aber auch für eine Öffnung und Veränderung der georgischen Gesellschaft. Dass diese leider noch nicht dazu bereit ist, zeigte die nationale Premiere des Films in Tiflis und Batumi im November 2019: Polizeischutz war nötig und es kam zu massiven Ausschreitungen, die zur Verhaftung von 27 Menschen führten.


Läuft ab 4. September in den österreichischen Kinos.

Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 8.10., 20 Uhr


Trailer zu "Als wir tanzten - And Then We Danced"