• Walter Gasperi

Jill


Die Utopie einer Familie von einem unabhängigen Leben in den Wäldern zerbröckelt, als unterschiedliche Interessen durchbrechen: Das starke, 1980 spielende Debüt wirkt wie ein US-Independent-Film, ist aber das Spielfilmdebüt des US-Schweizers Steven Michael Hayes.


Nichts weist in "Jill" darauf hin, dass es sich um eine Schweizer Produktion handelt: Alle Schauspieler*innen sprechen Englisch und Schauplatz sind die Wälder Montanas, nähe der kanadischen Grenze. Gedreht wurde allerdings im Schweizer Jura, doch die Illusion einer amerikanischen Geschichte sowie die zeitliche Situierung in den späten 1970er Jahren gelingt Steven Michael Hayes perfekt.


Schon der Einstieg mit einem jungen Mann in der Haft und seinen Erinnerungen an einen Schuss sowie einer Frau (Dree Hemingway), die ihre alte Mutter besucht, deuten auf tragische Ereignisse hin. Retrospektiv wird so die Geschichte von Joann (Juliet Rylance) und Ted Henderson (Tom Pelphrey) und ihrer fünf Kinder aus der Perspektive der damals sechsjährigen Jill erzählt.


Etwas dünn bleibt die Mutter-Tochter-Geschichte der Gegenwartsebene, von der aus Hayes immer wieder in die etwa 20 Jahre zurückliegenden Ereignisse abtaucht. Als abgeschlossene Welt zeichnet er die Waldregion, in die sich die Eltern mit ihren Kindern zurückgezogen haben. Autark lebt die Familie hier in ihrem Waldhaus, ernährt sich von Jagd, Hühnerzucht und Gemüseanbau.


Ein TV-Bericht über den US-Präsidentschaftswahlkampf zwischen Jimmy Carter und Ronald Reagan ermöglicht eine zeitliche Fixierung des Films auf das Jahr 1980. Während die ehemalige Bibliothekarin Joann an Bildung interessiert ist und sich eine riesige Bibliothek aufgebaut hat, lehnt Ted jeden Kontakt zur Außenwelt ab. Sein cholerisch-aggressiver Charakter wird spürbar, wenn er einen Radio zerschlägt, als ihn ein Bericht über das Schulsystem verärgert.


An Matt Ross´ "Captain Fantastic" ebenso wie an Debra Graniks "Leave no Trace" erinnert "Jill" mit seinem Traum vom Ausstieg aus der Gesellschaft und dem Rückzug in die Wälder. Hier wie dort werden die Kinder von den Eltern unterrichtet und entwickeln auch rasch ihre Fähigkeiten. So zeigt sich der etwa 15-jährige Win als technisch begabt, während der jüngere John schon an einem Science-Fiction-Roman arbeitet, den er zu einer Trilogie ausbauen möchte.


Doch das Bild dieses scheinbaren Paradieses bekommt mit zunehmendem Alter der Kinder Risse. Kein Verständnis zeigt so Vater Ted für den Wunsch seines ältesten Sohnes Colt (Garrett Wearing), ein College zu besuchen. Die Mutter unterstützt zwar im Grunde diesen Wunsch, bezieht aber keine klare Position gegenüber dem Ehemann.


Sukzessive tritt in der Folge der autoritäre Charakter des Vaters stärker zu Tage, wenn er aggressiv auf einen Besuch von Joanns Freundin reagiert und verhindert, dass der verletzte Nathan in ein Krankenhaus gebracht wird.


Die Utopie vom autarken und freien Leben kippt in eine Dystopie, je mehr die Eltern auseinanderdriften und auch die Kinder eigene Interessen entwickeln und sich vom Vater distanzieren. Während der 15-jährige Win (Garrett Forster) ganz in dessen Fußstapfen tritt und seine Befehle konsequent ausführt, beginnt der 12-jährige John (Zackary Arthur) die Aktionen in Frage zu stellen.


Scheint nämlich schon die Abschottung nach außen durch Tor und mächtigen Zaun fragwürdig, so zeigt eine Sprengfalle, die Nathan (Tre Ryder) verletzt, wie sich die vermeintlichen Schutzmaßnahmen gegen die Familie selbst richten können. Je stärker freilich der Druck des Vaters wird, desto stärker werden auch die Fliehkräfte innerhalb der Familie, bis die Ereignisse eskalieren.


Nicht gerade neu ist das Thema des Kippens einer Utopie in eine Dystopie, doch dank bestechender Verankerung in Zeit und Raum und starker Schauspieler*innen erzählt Steven M. Hayes doch eindringlich davon. Durch die Fokussierung auf die Familie kann er präzise die gruppendynamischen Prozesse herausarbeiten. Dem Coming-of-Age der Kinder steht der zunehmende Machtanspruch und Fanatismus des Vaters gegenüber. Dazwischen stehen die Mutter, die sich auf keine Seite schlagen will, und die kleine Jill (Alison Skye), die noch verständnislose Zuschauerin der eskalierenden Konflikte ist.


So unschweizerisch "Jill" in Setting und englischer Sprache ist, so zeitlos und universell ist dieses starke Debüt doch in der Auseinandersetzung mit Fragen von Erziehung, von Utopien und Lebensträumen und dem Abgleiten in autoritäres Auftreten. Schlüssig zeigt Hayes auch, wie die Abschottung Verschwörungstheorien und die Paranoia einer feindlichen Umwelt fördert und wie die Kinder durch das Informationsmonopol des Vaters indoktriniert werden.


Nicht theoretisch handelt Hayes freilich diese Fragen ab, sondern verpackt sie in eine stark erzählte Familiengeschichte, sodass "Jill" sowohl packende Unterhaltung als auch Stoff zum Nachdenken bietet.

Jill Schweiz 2022 Regie: Steven Michael Hayes mit: Tom Pelphrey, Garrett Wareing, Juliet Rylance, Zackary Arthur, Dree Hemingway, Greg Orvis, Anne Bennent Länge: 101 min.


Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.


Trailer zu "Jill"