• Walter Gasperi

Flee


25 Jahre nach seiner Flucht aus Afghanistan erzählt ein in Dänemark lebender Akademiker einem befreundeten Filmemacher endlich die wahre Geschichte seiner Flucht und seines Lebens: Vielfach preisgekrönter, durch die persönliche Perspektive bewegender Animationsfilm, der durch eingeflochtenes Archivmaterial seinen dokumentarischen Charakter unterstreicht.


Seit 25 Jahren lebt der 36-jährige Amin in Dänemark, doch aus Angst abgeschoben zu werden hat er nie über sein wahres Leben gesprochen, sondern hat sich eine falsche Identität aufgebaut. Wie in einer Therapiesitzung öffnet er sich nun dem Filmemacher Tobias, den er einst als Jugendlicher in einem Zug kennengelernt hat, und ringt sich durch die wahre Geschichte seiner Flucht zu erzählen.


Als Vorlage für den Film diente das Schicksal eines Freunds von Regisseur Jonas Poher Rasmussen. Um diesen zu schützen, war aber die Bedingung ihn durch Animation zu anonymisieren und das Pseudonym Amin Nawabi zu schaffen. Immer wieder macht Rasmussen nicht nur den Interviewcharakter bewusst, wenn er Amin direkt in die Kamera seinem Gegenüber Tobias erzählen lässt, sondern mit Filmklappe auch, dass Tobias hier einen Film dreht. „Flee“ erzählt so quasi auch die Geschichte seiner eigenen Entstehung, denn lange Gespräche mit dem realen Amin dienten Rasmussen als Grundlage für seinen unter anderem für drei Oscars nominierten Animationsfilm.


Mit einfachen, handgezeichneten Bildern schildert Rasmussen nicht nur das Leben des Jungen Amin im Afghanistan der frühen 1980er Jahren, sondern auch sein heutiges Leben in Dänemark. Die glückliche Kindheit mit Volleyballspiel und Drachensteigen oder Erzählungen der älteren Schwestern wird dabei verstärkt durch zeitgenössische Pop-Songs wie den Aha-Hit „Take on Me“ oder später „Joyride“ von Roxette.


Wie „Flee“ mit der Coming-of-Age-Geschichte und diesen musikalischen Kommentaren an Marjane Satrapis „Persepolis“ erinnert, so scheint die Einbindung von kleinformatigem Archivmaterial vom Finale von „Waltz with Bashir“ inspiriert. Packend verankert Rasmussen mit diesen authentischen Bildern die persönliche Geschichte im gesellschaftlichen und politischen Hintergrund, schafft ein Gefühl für die Stimmung der Zeit und verstärkt damit auch den dokumentarischen Charakter. Nicht nur der Afghanistankrieg der 1980er Jahre wird so in Erinnerung gerufen, sondern mit Bildern des Fährschiffs Estonia, in dem 1994 64 kurdische Flüchtlinge fast erstickten, auch die skrupellosen Methoden der Schlepper.


Beklemmend wird aber auch immer wieder die Flüchtlingssituation mit schwarzweißen Bleistiftzeichnungen vermittelt. Schnell wechselnde Striche und Bilder erzeugen dabei eindringlich das Gefühl der Flüchtigkeit und Unsicherheit. Eindrücklich wird damit ein Kontrapunkt zur einleitenden Frage des Filmemachers nach Amins Verständnis von Heimat gesetzt. Erfahrbar machen diese Bilder nämlich, wie hier jede Sicherheit fehlt, man nie das Gefühl hat, bleiben zu können, sondern alles nur vorübergehend ist.


Bewegende Kraft entwickelt „Flee“ durch die sehr persönliche Erzählung Amins, bei der es nicht nur um Flucht geht, sondern auch um seine psychische Belastung durch seine Homosexualität, für die es in seiner Heimat nicht einmal ein Wort gibt. Nicht genug mit dieser langen Verdrängung seiner sexuellen Orientierung kommt dazu auch noch das Gefühl seiner Familie, die ihm die Flucht ermöglichte, etwas schuldig zu sein.


Nach der gemeinsamen Flucht nach Russland gaben der ältere Bruder und seine Mutter nämlich alles, um Amin eine Weiterreise nach Mitteleuropa zu ermöglichen, während sie selbst zurückblieben. Zufällig landete er so in Dänemark, doch wie vom Schlepper befohlen, erzählte er den Behörden, um Asyl als unbegleiteter Minderjähriger zu erhalten, dass seine Familie in Afghanistan ermordet worden sei. Um sich würdig des Opfers von Bruder und Mutter zu erweisen, stellte er die Karriere über alles und opferte dafür auch mehrfach eine Beziehung.


Ganz auf Amin konzentriert und konsequent aus seiner Perspektive erzählt gelang Rasmussen ein vielschichtiger Animationsfilm, der eine starke Innensicht eines Flüchtlings mit seinen vielfältigen psychischen Belastungen und Traumata vermittelt. Verschärfend kommt dabei freilich die unterdrückte Homosexualität dazu, zu der sich Amin erst als Erwachsener in Dänemark bekennen kann. Gleichzeitig bringt diese Beichte gegenüber dem Filmemacher aber auch eine Befreiung, lässt Amin wieder zu seiner eigenen Biographie und seiner Identität, die er jahrelang verdrängte, stehen und damit auch wieder zu sich selbst finden.



Flee Italien / Frankreich 2021 Regie: Jonas Poher Rasmussen Animationsfilm Länge: 86 min.



Läuft derzeit in den Schweizer Kinos, z.B. im Kinok St. Gallen und im Skino Schaan.


Trailer zu "Flee"