• Walter Gasperi

75. Locarno Film Festival: Toxische Männlichkeit

Aktualisiert: 13. Aug.


Fast schon als Leitmotiv zieht sich die Beschäftigung mit toxischer Männlichkeit durch die ersten Festivaltage. Nicht nur in der Bestsellerverfilmung "Der Gesang der Flusskrebse - Where the Crawdads Sing", der auf der Piazza Grande gezeigt wurde, und im französischen Wettbewerbsbeitrag "Bowling Saturne" wird dies thematisiert.


Von männlicher Macht und Befreiung der Frau aus dieser Abhängigkeit erzählte am Rande schon der indische Film "Ariyippu – Declaration", mit dem der Wettbewerb startete. Weiter ging es mit dieser Thematik im malaiischen Wettbewerbsbeitrag "Stone Turtle", in dem sich eine Frau für eine Vergewaltigung rächt.


Toxische Männlichkeit kennzeichnet aber auch die jungen Soldaten, die in Carlos Conceiçãos "Nação Valente" im Jahr 1974 die portugiesische Kolonie Angola gegen die Befreiungsbewegung verteidigen sollen. Wie wenig die streng katholisch geprägten Männer mit ihrem Begehren umgehen können, zeigt sich schon, wenn ein Soldat auf die Zärtlichkeiten einer jungen Afrikanerin mit ihrer Ermordung reagiert, gleich darauf aber ein "Vater unser" betet.


Doch weil sich das Begehren auf Dauer nicht unterdrücken lässt, holt einerseits der Trupp nachts ein übergroßes Brigitte-Bardot-Poster in die Kaserne, während andererseits der Hauptmann für seine Leute eine Prostituierte organisiert. Nicht umgehen können die jungen Männer aber mit dieser, sodass sich bald ein Schuss löst, durch den ihr Hauptmann getötet wird.


Gleichzeitig zeigt der bildstarke portugiesische Film aber auch, dass der Regisseur - und auch der künstlerische Leiter des Festivals Giona A. Nazzaro - keine Berührungsängste zum Genrekino hat. Ziemlich kühn ist nämlich schon, wie hier im historischen Geschehen mit Mitteln des Zombiefilms gearbeitet wird, wenn die ermordeten Afrikaner sich schließlich aus den Gräbern erheben und die Portugiesen vertreiben.


Noch näher am Genrekino ist aber die Französin Patricia Mazuy bei "Bowling Saturne". Im Gewand eines Thrillers erzählt sie nicht nur von zwei ungleichen Halbbrüdern, sondern mehr noch von extremer toxischer Männlichkeit. Lebte der Vater von Armand und Guillaume diese Männlichkeit mit seinen Freunden bei der Großwildjagd aus, so entlädt sich die Aggression von Armand an jungen Frauen. Was hier als einvernehmlicher und lustvoller Sex beginnt, schlägt bald in eine brutale Vergewaltigung und einen Mord um, bei dessen Schilderung Mazuy nichts ausspart und so dem Publikum einiges zumutet.


Folgt der Film bis dahin Armand, so setzt er einen Monat später mit Guillaume, der als Polizist mehrere Frauenmorde aufklären soll, quasi neu ein. Ein weiteres Spannungsfeld wird dabei mit einer Öko-Aktivistin aufgebaut, die wegen ihres Kampfes für den Schutz von Wildtieren von den Jagdfreunden des verstorbenen Vaters bedroht wird.


Zu aufdringlich trägt Mazuy zwar die Abrechnung mit dieser sich an Gewalt erfreuenden Männlichkeit vor sich, doch insgesamt ist hier ein stringent erzählter und stimmungsvoller Thriller gelungen, der mit seinen Nachtszenen, aus dem einzig immer wieder leuchtend rote Flächen herausstechen auch wirkungsvoll mit an Edward Hopper erinnernden Bildern der Einsamkeit und Verlorenheit arbeitet.


Und schließlich wird auch das Leben der Protagonistin von Olivia Newmans Bestsellerverfilmung "Der Gesang der Flusskrebse – Where the Crawdads Sing" entscheidend von aggressiven Männern bestimmt. Als Kind leidet diese Kya nämlich unter einem gewalttätigen Vater, der zunächst Mutter und Geschwister in die Flucht treibt, ehe er selbst abhaut, dann gerät sie als junge Erwachsene an einen arroganten Städter, der sie nur ausnützt.


Gleichzeitig erzählt Newman aber auch von der Entwicklung Kyas. Allein aufgewachsen im Marschland von North Carolina, gilt sie den Bewohner*innen der nahen Kleinstadt zwar als Außenseiterin und wird schon beim ersten Schulbesuch von ihren Mitschüler*innen so gemobbt, dass sie nie mehr in die Schule zurückkehrt, lernt aber in der Natur auch sich durchzuschlagen, Stärke zu entwickeln und schließlich ihren Weg zu gehen.

Weitere Berichte zum Locarno Film Festival 2022:

- Vorschau auf das 75. Locarno Film Festival

- Eröffnungsfilm "Bullet Train"

- Asiatische Wettbewerbsfilme "Ariyippu - Declaration" und "Stone Turtle"

- Vorhölle und Mittelalter: "Skazka" von Alexander Sokurov und "Il Pataffio" von Francesco Lagi - Teenagergeschichten: Sylvie Verheydes "Stella est amoureuse" und Julie Lerat-Gersants "Petites" - Meditativer Bilderfluss und Antikrimi: Helena Wittmanns "Human Flowers of Flesh" und Alessandro Comodins "Gigi la legge" - Smarte und herzerwärmende Piazza-Filme: "My Neighbor Adolf" und "Last Dance" - Österreichische Filme im Wettbewerb: Ruth Maders "Serviam - Ich will dienen" und Nikolaus Geyrhalters "Matter Out of Place"

- "Tengo suenos electricos" von Valentina Maurel und "Piaffe" von Ann Oren

- Preisträger und Resümee