• Walter Gasperi

68. IFFMH: An den Rändern der Gesellschaft


Das 68. Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg (14.11. – 24.11. 2019) rückte in mehreren Filmen Menschen in den Mittelpunkt, die sonst oft übersehen werden, wie einen vietnamesischen Flüchtling in Prag, afghanische Flüchtlinge im Iran oder die Inuit im Norden Kanadas. Der heuer vom Publikum vergebene Grand Newcomer Award wurde zu gleichen Teilen an Miranda de Penciers „The Grizzlies“ und Jiri Madls „Na střeše - On the Roof“ vergeben.


Keine Fachjury entschied beim heurigen IFFMH über die Vergabe der Preise, sondern das Publikum. Vorhersehbar war damit, dass kaum sperrige Filmkunst, sondern Crowd-Pleaser ausgezeichnet werden. Mit seiner Warmherzigkeit eroberte so „Na střeše - On the Roof“ des Tschechen Jiri Madl das Herz der Zuschauer im Sturm. Mit verschmitztem, typisch tschechischem Witz erzählt Madl darin von einem misanthropischen pensionierten Lehrer, der einen vietnamesischen Flüchtling vor dem Selbstmord bewahrt und in seiner Wohnung aufnimmt.


Unsicherheit, ob er den jungen Mann nicht doch der Polizei ausliefern soll, wechselt mit Bemühungen ihm eine Aufenthaltsgenehmigung durch Anbahnung einer Beziehung mit der jungen Nachbarin zu verschaffen, gleichzeitig bietet Madl aber auch sukzessive Einblick in die Biographie des Professors. Die Handlung ist zwar vorhersehbar, doch die beiden blendend harmonierenden Hauptdarsteller, ein wendungsreiches Drehbuch und das entschiedene Plädoyer für Menschlichkeit nehmen doch für diese weitgehend als Kammerspiel angelegte Komödie ein.


Sofort mitten drin ist der Zuschauer in Miranda de Penciers erstem langen Spielfilm „The Grizzlies“, wenn sich ein junger Inuit in der endlosen Schnee- und Eiswüste um Kugluktuk auf einen Felsen setzt und erschießt. Ein Insert informiert darüber, dass die Selbstmordrate in dieser Region 2004 weitaus am höchsten in Kanada war, ehe die Haupthandlung mit der Ankunft eines jungen Lehrers einsetzt.


Eine perfekte Identifikationsfigur hat de Pencier mit diesem Neuankömmling geschaffen, mit dessen Augen auch der Zuschauer das Leben in der von Baracken bestimmten Siedlung am Ende der Welt kennenlernt. Rasch muss der Lehrer erkennen, dass die Schüler ihm - sofern sie überhaupt den Unterricht besuchen - keinen Respekt entgegenbringen und dass Alkohol, Drogen, aber auch häusliche Gewalt hier zum Alltag gehören.


Als er mit seinem alten Lacrosse-Schläger herumspielt, kommt er auf die Idee mit diesen perspektivlosen Jugendlichen ein Team aufzustellen, ihnen ein Hobby anzubieten, in dem sie ihre Aggressionen spielerisch abbauen können und gleichzeitig lernen Teamgeist zu entwickeln. Vielfältige Hindernisse sind freilich auf diesem Weg zu überwinden, auch ein tragischer Rückschlag fehlt nicht, doch vorhersehbar ist, dass diese Jugendlichen mit Team- und Kampfgeist auch neuen Lebensmut entwickeln werden.


Leichthändig verknüpft de Pencier die Schilderung der Probleme der Inuit-Community mit der Schul- und Sportgeschichte zu mitreißendem Kino, bei dem die Kanadierin es mit dem emotionalisierenden Musikeinsatz allerdings etwas übertreibt. Die hervorragend gecasteten und natürlich spielenden Jugendlichen, die starke Verankerung in der prächtig eingefangenen weiten Schneelandschaft und die dynamische Handlungsführung lassen aber darüber leicht hinwegsehen.


Dem Blick auf die Inuit-Community in „The Grizzlies“ entspricht in Jamshid Mahmoudis „Rona, Azim´s Mother“ die Erkundung des Alltags von afghanischen Flüchtlingen im Iran. Der Protagonist Azim arbeitet nachts bei der Teheraner Straßenreinigung, während sein Bruder mit seiner Familie weiter nach Deutschland will. Nach dessen Abreise wird bei Azims Mutter Rona aber ein schweres Nierenleiden festgestellt, das eine rasche Transplantation erfordert. Verzweifelt bemüht sich Azim, der aufgrund seiner Diabetes selbst nicht als Spender in Frage kommt, einen Spender zu finden, muss aber erfahren, dass Iraner Ausländern keine Organe spenden dürfen.


Das ist ebenso einfaches wie klassisches sozialrealistisches Kino, bietet Einblick in Azims körperlich anstrengende Nachtarbeit, plädiert für eine Änderung des Gesetzes bezüglich Organspenden und erzählt packend vom verzweifelten Kampf eines Sohnes um seine Mutter, die das Wichtigste in seinem Leben ist.


Auf den Spuren von Martin Scorseses legendärem „Taxi Driver“ wandelt dagegen der Taiwanese Chan-Hao Chan mit seinem Diplomfilm „The Roar“. Im Mittelpunkt steht ein etwa 45-jähriger Taxifahrer, der von seiner Frau nur herumkommandiert und von seiner 17-jährigen Tochter kaum mehr beachtet wird. Gleichzeitig droht auch Delogierung aus der Wohnung, die der Onkel der Familie zur Verfügung gestellt hat, da das ganze Viertel renoviert werden soll. Zufällig fällt dem gedemütigten Taxifahrer nach einem Raubüberfall, bei dem er Ohrenzeuge war, die Tatwaffe in die Hände. Groß ist die Verlockung diese auch zu verwenden.


Dramaturgisch ist das nicht immer überzeugend, bietet aber direktes und zupackendes Kino, das mit seiner rohen Machart eine fiebrige Intensität entwickelt und ein düsteres Bild einer Gesellschaft zeichnet, in der einzig und allein Geld zählt, die Menschen aber nicht mehr wahrgenommen werden.


Nähe sucht dagegen der junge Mexikaner Julio, der in Alex Munoz Barbas „ Noches de Julio - Lonesome Collectors“ in einer Reinigung arbeitet. Fasziniert ist er nicht nur von den Kleidungsstücken, über die immer wieder seine Hand zärtlich streicht, sondern auch von einer Kundin. Heimlich steigt er in deren Wohnung ein, trinkt aus ihrer Tasse, legt sich in ihr Bett und nimmt private Gegenstände wie Fotos mit. So sehr Julio aber Nähe sucht, so wenig ist er gleichzeitig zu körperlichem Kontakt fähig, als die Frau ihn stellt und provoziert. Eine Seelenverwandte findet er aber in der etwa gleich alten Köchin Mara, doch bis sie gegenseitig Körperkontakt zulassen, ist es ein weiter Weg.


In beeindruckender Bildsprache und mit starkem Sounddesign erzählt Munoz Barba in seinem Regiedebüt von Einsamkeit, Schüchternheit und Hemmungen. Ganz nah ist hier die Kamera immer wieder an den Protagonisten und den Kleidern und sorgt für intensives sinnliches Kino, das diese Körper und vor allem die Gefühle der Protagonisten zu erkunden und erfahrbar zu machen versucht.


Eine kleine Perle gelang auch dem Norweger Anders Emblem mit seinem Debüt „Skynd deg Sakte – Hurry Slowly“. Emblem beschränkt sich darauf in langen, vorwiegend statischen Einstellungen die etwa 20-jährige Fiona durch ihren Alltag zu begleiten. Mit ihrem autistischen Bruder Tom lebt sie nach dem Tod ihrer Großeltern allein in einem abgelegenen Haus auf einer kleinen Insel vor der norwegischen Küste. Tagsüber arbeitet sie auf einer Fähre, daneben gilt ihre ganze Fürsorge ihrem Bruder, den sie ankleidet, bekocht und immer wieder aufmuntert. Da Tom nun aber 18 wird, könnte er ganztägig in ein Pflegeheim aufgenommen werden, doch Fiona ist sich unsicher, ob sie das will.


Jede Dramatik ist diesem Film, der auch vorzüglich in die weite und karge norwegische Landschaft eingebettet ist, förmlich ausgetrieben, doch gerade in seiner ruhigen und geduldigen Erzählweise entwickelt sich „Skynd deg Sakte – Hurry Slowly“ zur ebenso bewegenden wie nachdenklich stimmenden Reflexion über Verantwortlichkeit, Fürsorge für den anderen und Menschlichkeit.


Gespannt darf man nun sein, inwieweit im nächsten Jahr das neue Team um Sascha Keilholz diesen Weg fortsetzt und inwieweit neue Akzente gesetzt werden.


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