• Walter Gasperi

28. Internationales Filmfestival Innsbruck: Blick in die Ferne


Vom 28. Mai bis 2. Juni rückt das Internationale Filmfestival Innsbruck, das heuer zum letzten Mal von Festivalgründer Helmut Groschup geleitet wird, in Leokino und Cinematograph mit rund 70 Filmen wieder die Länder des Südens ins Zentrum. Neben dem Internationalen Wettbewerb um den Filmpreis des Landes Tirol und dem Dokumentarfilm-Wettbewerb der Stadt Innsbruck erinnern Hommagen an die kolumbianische Dokumentarfilmerin Marta Rodríguez, Joris Ivens und Fernando E. Solanas.


1992 wurde das Internationale Filmfestival Innsbruch als "America Film Festival" von Helmut Groschup, Glen Switkes und Manfred Vosz gegründet. 28 Jahre lang leitete Groschup in der Folge mit verschiedenen Teams die sechstägige Veranstaltung und brachte vor allem Filme aus Afrika, Lateinamerika und Asien in die Alpenstadt. Nach der heurigen Ausgabe wird der 65-Jährige die Leitung abgeben, die Jungen sollen jetzt zum Zug kommen. Davor gibt es aber noch Groschups Abschiedsfestival.


Eröffnet wird die heurige Ausgabe und gleichzeitig auch der Internationale Wettbewerb mit der europäischen Erstaufführung des neuen Films des Inders Shaji N. Karun, der ein Stammgast in Innsbruck ist. In „Olu“ erzählt Karun verpackt in die fabelhafte Geschichte einer Meerjungfrau vom Thema der nicht nur in Indien aktuellen Frauenmisshandlung.


Nach Mauretanien entführt die Italienerin Michela Occhipinti, die in „Flesh Out von einer Frau erzählt, die vor ihrer Zwangsverheiratung Gewicht zunehmen muss, um ihrem zukünftigen Ehemann zu gefallen. Während der Makedonier Kastriot Abdyli in „Kthimi“ von der Rückkehr eines Mannes in seine Heimat erzählt, wo seine Verlobte vom Vater abgelehnt wird, schickt der Deutsche Frieder Schleich in „Naomis Reise“ eine junge Peruanerin zu einem Gerichtsprozess nach Deutschland, wo ihre große Schwester von ihrem Ehemann ermordet wurde.


Komödiantischere Töne dürfte dagegen der Georgier Nino Zhvania anschlagen, stehen im Mittelpunkt von „Parade“ doch drei alte Freunde, die gemeinsam durch die Stadt ziehen, feiern und einer Parade zusehen. Ruhiges poetisches Kino wiederum ist von Ilgar Najaf aus Aserbaidschan zu erwarten, der in "Nar Bagi", der in einem pittoresken Dorf spielt, von einem alten Mann erzählt, dessen Leben durch die Rückkehr seines seit zwölf Jahren verschwundenen Sohns in Bewegung kommt.


Im Dokumentarfilm-Wettbewerb zeigt der Schweizer Luc Schaedler in „A Long Way Home" am Beispiel von fünf chinesischen Künstlern, wie persönliche Erfahrungen und politisches Engagement zusammenhängen. Ebenfalls aus der Schweiz kommt „Fair Traders“, in dem Nino Jacusso drei Akteure der freien Marktwirtschaft porträtiert, die zeigen, dass man Markt und Moral vereinbaren kann. Gulistan und Elizabeth Mirzaei begleiten dagegen die Afghanin Laila Haidari bei ihren Bemühungen Junkies von der Straße zu holen.


Der Chilene René Ballesteros wiederum lässt in „Los suenos del Castillo“ jugendliche Strafgefangene von ihren Verbrechen, ihren Sehnsüchten und ihren Träumen erzählen, während die Österreicherin Melanie Hollaus in „MS Valentina“ den Alltag einer rumänischen Familie auf einem Donau-Frachtschiff zwischen Österreich und Bulgarien dokumentiert und dabei auch die wirtschaftliche und politische Zerrissenheit Europas bewusst macht.


Jugendliche Helden stehen in der Programmschiene um den Südwind-Filmpreis im Mittelpunkt. Der Bogen spannt sich hier vom angefeindeten lesbischen Paar in Kenia in Wanuri Kahius trotz allem bunten und lebensfrohen „Rafiki“ über einen 15-jährigen Jungen, der in Michael Mooleedhars „Green Days by the River“ in der multiethnischen Gesellschaft des ländlichen Trinidad zwei Mädchen kennen lernt, bis zur Kenianerin Jo, die in Likarion Wainainas „Supa Moda“ davon träumt eine Superheldin zu sein.


In die Ferne lässt auch die Programmschiene um den „Wiener Städtische Publikumspreis“ blicken. In die kasaschische Steppe entführt hier Serik Aprymov in „A Call to Father“, während Apolline Traoré in „Frontières“ von einer Busreise von Dakar nach Lagos und der sich dabei entwickelnden Freundschaft von vier Frauen, aber auch von Gewalt und Korruption erzählt. Auf eine Reise schickt auch Kirsten Tan ihren Protagonisten in „Pop Aye“, in dem ein Architekt aus Bangkok sich mit einem Elefanten auf den Weg in die ländliche Region seiner Kindheit macht.


Besondere Beachtung verdienen aber auch die Hommagen. Stargast des Festivals ist die 85-jährige Kolumbianerin Marta Rodriguez, die in ihren Dokumentarfilmen immer wieder den Widerstand der indigenen Bevölkerung dokumentierte. Beim IFFI wird Rodríguez mit den drei Filmen „Nuestra voz de tierra, memoria y futuro“ (1981), „Chircales" (1971) sowie „Campesinos“ (1975) geehrt.


Im Gegensatz zu Rodríguez hat der Niederländer Joris Ivens quer über die ganze Welt gefilmt. Er hat in „The Spanish Earth“ (1937) den Spanischen Bürgerkrieg aus der Sicht der republikanischen Kämpfer ebenso dokumentiert wie er in „Loin du Vietnam“ (1967) zusammen mit Jean-Luc Godard, Chris Marker und weiteren Regisseuren die Solidarität mit dem vietnamesischen Volk und seinem Kampf zum Ausdruck brachte. Neben diesen beiden Filmen wird in Innsbruck auch „Lied der Ströme“ (1954) zu sehen sein, in dem Ivens die unterschiedlichen Lebensbedingungen von Arbeitern auf allen Kontinenten der Erde zeigt.


Die dritte Hommage ist schließlich mit dem Argentinier Fernando E. Solanas einem der Großmeister des lateinamerikanischen Kinos gewidmet. Sein legendäres agitatorisches Pamphlet „La hora de los hornos“ (1968) ist zwar in Innsbruck nicht zu sehen, aber mit „Tangos, El Exilio de Gardel“ (1985) und dem großen Roadmovie „El Viaje“ (1992) stehen zwei zentrale Werke von Solanas auf dem Programm, zu denen mit „Viaje a los pueblos fumigados“ (2017) noch der neueste investigative Dokumentarfilm kommt, in dem der Altmeister die staatlich sanktionierten Verbrechen der industriellen Landwirtschaft anprangert.


Und schließlich wird in der Retrospektive unter dem Titel "Reisefieber" an die Geschichte des Festivals, aber auch an zwei verstorbene Freunde und Wegbegleiter des IFFI erinnert. "Delwende" und "Moi et mon blanc" des aus Burkina Faso stammenden S. Pierre Yameogo, der am 1. April verstarb, wird hier ebenso nochmals gezeigt, wie "La pelicula de Ana", des 2013 verstorbenen Kubaners Daniel Díaz Torres. Aber auch die Möglichkeit einer Wiederbegegnung mit oder Neuentdeckung von Shaji N. Karuns Debüt "Piravi" oder Abbas Kiarostamis "Quer durch den Olivenhain" wird hier geboten.